Früher dachte man, eine Fußball-Weltmeisterschaft werde durch Tore entschieden. Welch nos-talgischer Irrtum!!!
Es gibt Institutionen, die beanspruchen Unfehlbarkeit. Früher war das die Kirche. Heute wirkt es manchmal, als hätte die FIFA dieses Geschäftsmodell übernommen.
Es gibt auch drei Konstanten: Gianni Infantino lächelt, Donald Trump posiert, und Lionel Messi scheint unter einem Regelwerk zu spielen, das vermutlich in Gold gerahmt im FIFA-Hauptquar-tier hängt.
Nach den Spielen gegen Ägypten und die Schweiz war die Aufregung groß. Millionen Zu-schauer fragten sich, ob sie gerade Fußball gesehen hatten oder die Pilotfolge von «Wer hilft dem Titelverteidiger?». Der VAR arbeitete mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks – aller-dings nur dann, wenn es gerade nicht um Argentinien ging.
Messi genießt inzwischen offenbar einen Status irgendwo zwischen Fußballer, UNESCO-Welt-kulturerbe und bedrohtem Tier. Jeder Kontakt mit ihm ist ein Foul. Jeder Protest gegen ihn eine Majestätsbeleidigung. Sollte Messi einmal den Ball mit beiden Händen ins Tor tragen, würde vermutlich zunächst geprüft, ob der Ball ihn nicht provoziert hat.
Während andere Spieler für einen schiefen Blick Gelb sehen, scheint Messi über einen diplo-matischen Pass der Vereinten Nationen zu verfügen. Karten gelten für ihn offenbar eher als un-verbindliche Reiseempfehlungen.
Und dann ist da Gianni Infantino.
Der Mann schafft etwas, wovon absolute Monarchen nur träumen konnten: Er taucht auf jedem Siegerfoto auf, hält jede Trophäe fest, verteilt jedes Lächeln und erklärt anschließend, die FIFA sei selbstverständlich unabhängig. Das ist ungefähr so glaubwürdig, wie wenn ein Casino er-klärt, es hoffe heute WIRKLICH, dass die Gäste gewinnen.
Infantino wirkt dabei wie ein Zeremonienmeister einer Religion, deren erster Glaubenssatz lau-tet: «Die FIFA irrt nicht.» Der zweite: «Sollte die FIFA irren, gilt automatisch Regel Nummer eins.»
Natürlich darf Donald Trump in diesem Theaterstück nicht fehlen. Wo Kameras stehen, er-scheint er zuverlässig wie ein Gaststar mit Dauervertrag. Die Bühne gehört offiziell dem Fuß-ball, praktisch aber scheint jeder Moment auch eine Gelegenheit für einen politischen Fototer-min zu sein. Vielleicht fehlt künftig nur noch, dass der Münzwurf per Executive Order angeord-net wird.
Das Schönste an alledem ist jedoch die Kommunikation.
Jede kontroverse Szene wird «sorgfältig geprüft». Jede Entscheidung ist «regelkonform». Jeder Zweifel ist «eine Fehleinschätzung der Zuschauer». Mit genügend Pressemitteilungen kann man offenbar sogar eine optische Täuschung zur offiziellen Wahrheit erklären.
Die Fans? Die zerlegen Standbilder, zeichnen Linien, analysieren Videos Bild für Bild und disku-tieren bis tief in die Nacht.
Die FIFA braucht dafür nur einen Satz:
«Nach eingehender Prüfung sehen wir keinen Anlass zur Kritik.»
Ein bemerkenswerter Satz. Er funktioniert unabhängig davon, was vorher passiert ist.
Sollte Argentinien am Ende erneut Weltmeister werden, werden die einen von einem histori-schen Triumph sprechen. Die anderen werden sich fragen, ob der Drehbuchautor zufällig im FIFA-Hauptquartier sitzt und Gianni Infantino die letzte Fassung persönlich freigibt.
Aber wahrscheinlich ist das alles nur ein riesiges Missverständnis.
Und der Weihnachtsmann kontrolliert den VAR.
Text: Gerry Engel
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